Inkonsequenz in der GPRS-Einführung in Deutschland (German)
Fast keine Endgeräte und nicht gemachte Hausaufgaben in der Tarifpolitik lassen Zweifel am Erfolg von GPRS aufkommen
Ein mutiger Hersteller und inzwischen 3 Netzbetreiber experimentieren mit GPRS (General Packet Radio Service) auf dem deutschen Markt und suchen nach der optimalen Preispolitik, mehr Endgeräten und der richtigen Kommunikation für die Zielgruppe. Das Ziel der Einführung für die neue GPRS-Technologie ist klar: der bisher spärlichen Nutzung von WAP-Angeboten soll zum Durchbruch verholfen
werden. Anders kann die aktuelle GPRS-Tarifierung nicht gedeutet werden, denn wer möchte gerne freiwillig für das mit Laptop und GRPS-Handy heruntergeladene Megabyte bis zu 69 DM (s. Kasten 2) bezahlen?
Bevor es mit UMTS (Universal Mobile Telecommunication System) Mitte bis Ende nächsten Jahres mit der 3. Generation des Mobilfunks
richtig los geht, soll GPRS zwischenzeitlich unser mobiles Datenerlebnis in die Generation 2.5 katapultieren. "Ungeahnte Möglichkeiten"
verspricht Hans-Burghardt Ziermann, Geschäftsführer mobile von Viag Interkom, anläßlich des eigenen kommerziellen Netzstarts am 24.
Januar in Berlin für die Nutzer von GPRS. Gespannt betrachten wir die Realität.
WAP-Angebote in Deutschland sind bisher noch nicht wirklich erfolgreich. Trotz der hohen Investitionen in die WAP-Technologie lässt sich
damit noch kein Geld verdienen. GPRS hat die Mission, diesen traurigen Zustand endlich aufzulösen, und bietet die passende drahtlose
Übertragungstechnologie, mit der Daten paket- statt verbindungsorientiert und somit flexibel, schnell und preisgünstig transportiert
werden können.
Das soll sich positiv auf die Nutzung der stark vernachlässigten WAP-Angebote auswirken. Dank der mengenbasierten Abrechnung
verschwindet der Faktor Zeit. Formulare können in Ruhe ausgefüllt und WAP-Seiten gemütlich gelesen werden, sofern die Menge der
Inhalte auf dem kleinen Bildschirm dies wirklich erfordert. Natürlich sollen die Kosten pro WAP-Seite, bisheriger Hinderungsgrund
Nummer eins, geringer sein als beim einfachen CSD (Circuit Switched Data), das die WAP-Seite verbindungsorientiert über nur einen
GSM-Funkkanal transportiert. Das GPRS-Handy ist ausserdem "always-on" und damit ständig empfangs- und sendebereit, gut geeignet
also für Anwendungen wie Instant Messaging oder Push-Dienste.
Die Einführung der GPRS-Technologie beinhaltet eine Reihe von Schwachstellen, die begründete Zweifel am erhofften schnellen
Markterfolg von GPRS und WAP aufkommen lassen. Fehlende Endgeräte, intransparente Preisgestaltung und zeitweise technische
Probleme im Netzbetrieb sind die Hauptprobleme.
Für die Gerätehersteller und die Netzbetreiber, die fast eine Dekade GSM-Erfahrung haben, handelt es sich bei GPRS um eine komplett
neue Technologie. GPRS ohne Probleme schnell in den Massenmarkt einzuführen, ist kein Kinderspiel. In der frisch eingerichteten
GPRS-Hotline landet man mitunter 2 mal beim gleichen Agenten, zu gering ist die Zahl der "Early Adopters". Woran das Problem dann
aber liegt, kann aus der Ferne nur schwer diagnostiziert werden: "Wahrscheinlich eine technische Störung", heisst es beispielsweise bei
Viag Interkom. Ob Handy, Netz oder WAP-Dienst nicht funktionieren, ist schwer zu sagen.
Während Viag Interkom bereits am 24. Januar und T-Mobil am 1. Februar mit GPRS starteten, ist D2 Vodafone am 28. Februar mit der
neuen mobilen Übertragungstechnologie nachgezogen. Im Vergleich zu UMTS, wo eine neue Infrastruktur von A bis Z inklusive neuer
Sendestationen für mehrere Milliarden Mark aufgebaut werden muss, sind die Kosten für den Upgrade auf GPRS überschaubar. T-Mobil hat
bis dato 300 Millionen DM in GPRS investiert, bei ca. 20 Millionen Teilnehmern macht das gerade mal 15 DM pro Teilnehmer. Viag
Interkom, mit ca. 3,5 Millionen Kunden deutlich kleiner, hat 80 Millionen DM ausgegeben, ungefähr 23 DM pro Kunde. Nach Aussage der
Netzbetreiber ist damit auch eine nahezu flächendeckende GPRS-Versorgung von Anfang an möglich. Dies ist auch ein Grund, warum
GPRS und UMTS nebeneinander existieren werden, denn UMTS wird in den Ballungsgebieten gestartet und muss 2003 nur eine
Netzabdeckung von 25% erreichen.
Um schneller wappen zu können, muss der Nutzer ebenfalls ein Upgrade vornehmen und sich dafür gleich ein neues GRPS-fähiges Handy
kaufen. Die Geschwindigkeit, mit der die neuen GPRS-Telefone den Markt penetrieren, wird 2001 noch recht niedrig sein. Entsprechend
der Erwartungen der Netzbetreiber sollen Ende 2001 ca. 1 – 2 Millionen Mobiltelefonierer GPRS nutzen. René Obermann, Geschäftsführer
von T-Mobil, plant Ende 2001 mit einer sechsstelligen Zahl von GPRS-Nutzern unter den T-Mobil Kunden. Viag Interkom's Pressesprecher
Roland Kuntze gibt zwar keine genauen Planzahlen, ist aber zuversichtlich, denn "GPRS wird in der neuen Handy-Generation genauso zum
Standard wie der WAP-Browser."
Mit der schon realisierten oder noch geplanten zusätzlichen monatlichen Grundgebühr von 20 DM (s. Kasten 2) für die mobile
Datenkommunikation per GPRS wollen die Betreiber ihren monatlichen Durchschnittsumsatz mit Sprachkommunikation, der aktuell bei
ca. 80 DM liegt, auf einen Schlag um 25% erhöhen. Es stellt sich die Frage, ob die Netzbetreiber diesen Ansatz im Massenmarkt
platzieren können und der normale Nutzer den Mehrwert von GPRS entsprechend hoch einschätzt.
Dr. Michael Paetsch, Marketing-Geschäftsführer bei D2 Vodafone, erklärt, dass die eigene GPRS-Tarifierung ganz klar für das Wappen und
Mailen der Privatkunden ausgelegt ist, also Dienste, bei denen geringe Datenmengen bewegt werden, sieht man einmal von dicken
E-Mail-Attachments ab. Der Geschäftskunde, der sich in das mobile Netz lieber mit dem Laptop einklinkt, sollte besser auf neue
Preismodelle warten, an denen die Netzbetreiber noch arbeiten. Für das Megabyte zwischen 6 und 69 DM zu zahlen, macht nämlich nicht
wirklich Sinn. Dann, so empfiehlt der Marketingchef von D2, möge man doch bitte HSCSD (High Speed Circuit Switched Data) nutzen, das
bei D2 Vodafone zwischen 19 und 39 Pfennig kostet. Da die aktuellen Mobiltelefone aber nicht HSCSD und GPRS gleichzeitig unterstützen,
müsste man entsprechend dieser Empfehlung unterwegs gleich mehrere Handys dabei haben, um jeweils die günstigsten Tarife für die
mobile Datenkommunikation nutzen zu können.
An die intransparente Gebührenpolitik werden sich Privat- und Geschäftskunden gewöhnen müssen. Abhängig von der Anwendung und
den Fähigkeiten des Endgerätes entscheidet sich, welcher Tarif günstiger ist. Aus Nutzersicht ist diese Situation nicht gerade sehr
kunden- und bedienerfreundlich. Viag Interkom beispielsweise rechnet derzeit noch mittels "pay-per-click" ab und will für jede
WAP-Seite 9 Pfennig. Eine Buchbestellung per GPRS mit insgesamt 10 Klicks würde bei Viag Interkom 90 Pfennig, bei D2 20 Pfennig (1
WAP-Seite entspricht ca. 1 Kilobyte) oder bei T-Mobil 69 Pfennig kosten. Ob die Navigation mit der schwerfälligen Texteingabe dabei 3, 5
oder gar 10 Minuten dauert, wirkt sich auf den Preis nicht aus. Per Standard-GSM kosten 3 Minuten 1,17 DM (39 Pfennig je Minute), d.h.
rechnerisch würde die WAP-Nutzung mit dem GPRS-Telefon tatsächlich weniger zu Buche schlagen. Vollkommen illusorisch ist dagegen
folgendes Szenario: Musik per GPRS direkt ins Handy. Legt man zugrunde, dass MP3 1 Minute Hörgenuss pro Megabyte möglich macht, so
ist der 3-Minuten Song per GPRS zuzüglich zur Monatspauschale je nach Anbieter für schlappe 18 bis 207 DM zu haben (s. Kasten 2). Ein
mobiles Napster werden wir auf absehbare Zeit sicherlich nicht erleben.
Neben der Tarifwahl ist die mangelnde Endgeräteverfügbarkeit der meistgenannte Sündenbock. Ohne verfügbare Endgeräte braucht man
auch kein GPRS-Netz zu betreiben. Die Netzbetreiber kennen diese Situation von der WAP-Einführung sehr gut. Damals gab es die ersten
WAP-Angebote bereits, während die User monatelang auf das erste WAP-Handy von Nokia warteten. Warum aber brauchen die
Gerätehersteller so lange, um funktionierende GPRS-fähige Mobiletelefone oder Smartphones in den Markt zu bringen?
Die Auswahl der passenden Endgeräte fällt denkbar leicht: nur Motorola war schnell genug, um ein GPRS-Telefon pünktlich zum Netzstart
der Betreiber auf den deutschen Markt zu bringen. Bis die anderen Hersteller nachziehen und Mengen für den Massenmarkt liefern
können, wird die 2. Jahreshälfte schon angebrochen sein. Das Motorola Timeport 260 leistet dabei geringere Datenübertragungsraten als
erwartet und verdeutlicht, wie lange der Weg zur Freisetzung des vollen GPRS-Potentials sein wird (s. Kasten 1). Das Timeport 260
funktioniert mit "2+1", d.h. 2 Kanäle im Downlink (Empfang) und ein Kanal im Uplink (Senden) liefern eine theoretische Brutto-Datenrate
von 26,8 Kbit/s, da jeder Kanal per "Coding Scheme 2" Datenpakete mit 13,4 Kbit/s übertragen kann. Netto landet man ca. bei 10 Kbit/s
pro Kanal. Ein kurzer GPRS-Surf per Laptop, der mit dem Motorola GPRS-Handy über Infrarot oder serielles Kabel verbunden wird,
bestätigt das Netto-Übertragungsvolumen von guten 10 Kbit/s pro Kanal.
Da es mit GPRS gerade erst los geht, sind noch keine GPRS-optimierten Dienste im Markt zu sehen. Das aktuell verfügbare Motorola
GPRS-Handy unterscheidet sich nicht wesentlich von den bekannten WAP-fähigen Telefonen. Die Entwicklergemeinde ist aber
optimistisch, dass always-on und höhere Übertragungsraten spannende Applikationen möglich machen. Kim Onneken, Co-CEO der
Berliner Softwarefirma Linkedwith (www.linkedwith.com), die u.a. einen Application Server für WAP-Anwendungen anbieten, sieht GPRS
optimistisch entgegen: "Langfristig eröffnet GPRS die Möglichkeit, in Verbindung mit neuen Gerätefunktionalitäten den WAP-Standard
wirklich auszuschöpfen und Anwendungen zu implementieren, die dem Handy als Kommunikationswerkzeug mehr als bisher gerecht
werden."
Vom selben Optimismus getrieben arbeiten alle Hersteller an neuen GPRS-Telefonen. Neben Motorola werden wir zur CeBIT Ende März
neue Devices von Nokia, Ericsson, Siemens, Mitsubishi, Sagem, Alcatel und vielen anderen sehen. Dabei haben sie aus den Fehlern der
voreiligen Einführung fehlerhafter WAP-Telefone gelernt, lassen sich mehr Zeit mit der Entwicklung, dem Testen und dem
Kapazitätsaufbau für die Massenproduktion.
Ob die aktuelle Preispolitik zur Maximierung des Umsatzes pro Kunde und zur maximalen Nutzerakzeptanz von WAP-Angeboten per
Handy führen wird, scheint aus heutiger Sicht unwahrscheinlich. Es kann mit Recht bezweifelt werden, dass die Netzbetreiber sich selbst
und vor allem ihren Kunden mit dieser Vorgehensweise tatsächlich einen Gefallen tun. Als Hausaufgabe empfehlen wir daher erneut den
Blick nach Japan, wo NTT Docomo und die eng geführten Endgerätehersteller seit 2 Jahren unter der Marke i-mode vorführen, wie man
mit paketvermittelten mobilen Datendiensten auf 9,6 Kbit/s mehr als 18 Millionen Kunden erfolgreich bedienen kann. Vielleicht werden
wir dann die ungeahnten Möglichkeiten von GPRS schneller erleben können.
Der Artikel erscheint in ähnlicher Form in der Aprilausgabe der Business 2.0
Zusatzinfo: GSM und GPRS
GSM (Global System for Mobile Communication) ist der dominierende globale digitale Mobilfunkstandard, auf dem in Deutschland in den 4
Mobilfunknetzen über 50 Millionen Menschen mobil telefonieren, weltweit ca. 500 Millionen Menschen. Hinter GPRS (General Packet Radio
Service) steckt die paketorientierte Datenübertragung über das GSM-Mobilfunknetz. Mit Hilfe von GPRS, das im 1. Quartal 2001 in
Deutschland eingeführt wird, soll die mobile Datenkommunikation schneller, billiger und einfacher möglich werden. Die Netto-Datenrate
von GPRS wird jedoch anfangs nicht wesentlich höher sein als bei dem verbindungsorientierten einfachen CSD (Circuit Switched Data, 1
Kanal) oder mehrfachen HSCSD (High-Speed Circuit Switched Data, Bündelung von bis zu 3 Kanälen a 14,4 Kbit/s, also 43,6 Kbit/s im
Downlink und 2 Kanälen im Uplink, also 28,8 KBit/s). Mit Hilfe des Coding Scheme 2 kann GPRS eine Brutto-Datenrate von 13,4 Kbit/s pro
Kanal erreichen, mit Coding Scheme 4 (bessere Komprimierung im Mobiltelefon) bis zu 21,4 Kbit/s. Maximal können 8 Kanäle in beiden
Richtungen (im Uplink und Downlink) gebündelt werden. Realistisch sind in den nächsten 12 Monaten jedoch Endgeräte mit 4 Kanälen im
Downlink und Coding Scheme 2, d.h. ca. 40 Kbit/s Netto-Datenrate.
Zusatzinfo: Die Mobilfunknetze und ihre GPRS-Tarife
Viag Interkom, seit 24.01.01: WAP-Nutzung: 9 Pfennig je Klick bzw. WAP-Seite; mobile Internet-Nutzung per Laptop oder PDA: Tagestarif
(24h) 0,49 DM und 0,09 DM pro 10 Kilobyte, d.h. 1 MB = 9,00 DM. Geplant: Monatspauschale von 19,95 DM und 0,06 DM pro 10
Kilobyte. T-Mobil, seit 01.02.01: GPRS eco - WAP-Nutzung und mobile Internet-Nutzung per Laptop oder PDA: Tagestarif (24h) 0,49 DM und 0,69 DM pro 10 Kilobyte, d.h. 1 MB = 69 DM. GPRS pro: Monatspauschale von 19,95 DM und 0,19 DM pro 10 Kilobyte, d.h. 1 MB = 19 DM. D2 Vodafone, seit 28.02.01: WAP-Nutzung: Monatspauschale 19,95 DM und 0,19 DM pro 10 Kilobyte, inklusive 1 Megabyte pro Monat.
Preisvergleich WAP-Seite mit ca. 1 Kilobyte = 0,02 Pfennig. Gleiche Tarife für mobile Internet-Nutzung per Laptop oder PDA, d.h. 1
Megabyte = 19 DM. E-Plus: Launch zur CeBIT am 22. März 2001.